Montag, 20. Juni 2016

„Heimat ist Heimat“

Christen im Heiligen Land als Minderheit in der Minderheit

Das Fest für die Freunde und Gönner des Exerzitienhauses HohenEichen fand in diesem Jahr am 18. Juni statt. Den Festvortrag hielt die palästinensische Christin Hiyam Marzouqa. Sie leitet das Caritas Baby Hospital in Bethlehem.

„Diese Straße gehe ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit entlang“, sagte Hiyam Marzouqa und zeigte ein Foto mit einer Straße, die auf beiden Seiten von einer hohen Mauer eingerahmt ist, dazu liegt quer über der Straße eine Rolle Stacheldraht. „Manchmal versperrt Stacheldraht mir den Weg, dann muss ich einen weiten Umweg machen.“ Der Arbeitsplatz der palästinensischen Christin ist das Caritas Baby Hospital in Bethlehem, das einzige auf Kleinkinder spezialisierte Krankenhaus in Palästina.

Der Weg zum Caritas Baby Hospital ist nicht nur hürdenreich für Chefärztin Hiyam Marzouqa, die das Kinderspital seit zehn Jahren leitet. Auch die kleinen Patienten und ihre Familien müssen diesen hürdenreichen Weg nehmen, oft erschwert durch permanente und sogenannte fliegende Checkpoints: Kontrollstellen, die jederzeit irgendwo errichtet werden können und ein schnelles Fortkommen verhindern. Eine Fahrt von A nach B wird so unberechenbar. Haben sie es geschafft, erfahren sie im Caritas Baby Hospital die nötige Zuwendung, denn dort wird jedem Kind geholfen, unabhängig von seiner religiösen und sozialen Herkunft.

Hiyam Marzouqa schilderte in ihrem Vortrag den Betrieb im Krankenhaus. „Die Kinder haben hier Krankheiten, die ich während meines Medizinstudiums in Deutschland nicht kennengelernt habe“, berichtete sie und fuhr fort: „Die Krankheiten ergeben sich durch die schlechten Lebensbedingungen der Palästinenser und das fehlende Wissen der oft noch jungen Mütter, sie werden aber auch hervorgerufen durch die Tradition.“ Das Caritas Baby Hospital versucht, hier nachhaltig zu helfen: Die Mütter werden in Apartments aufgenommen und geschult, so dass sie ihre Kinder besser versorgen können. Gleichzeitig ist es oft der erste Kontakt mit Christen für die muslimischen Frauen – die Belegschaft im Caritas Baby Hospital ist halb christlich, halb muslimisch. Sie erfahren Toleranz und Nächstenliebe, Vorurteile werden abgebaut.

Und Vorurteile abzubauen ist dringend notwendig. Denn durch die Entwicklung im Nahen Osten ist es in den vergangenen Jahren zu mehr trennender Konfrontation gekommen statt zu friedensstiftenden Begegnungen. Israelis haben Angst vor Palästinensern und umgekehrt. Zwischen allen Stühlen sitzen die Christen, die sowohl in Israel als auch in Palästina mittlerweile nur noch eine Minderheit von 2 % bilden – eine Minderheit in der Minderheit. Für die Israelis sind die arabischen Christen einfach Araber und damit potenzielle Terroristen, die muslimischen Araber rechnen sie den Israelis zu und damit dem Westen allgemein, mit dem viel Negatives verbunden wird.

Besonders betroffen sind die Christen bei Bethlehem vom Bau der Mauer zwischen Israel und Palästina. Land wurde enteignet oder der Zugang unmöglich gemacht, so dass Land, das sich seit Generationen in Familienbesitz befindet, nicht mehr bewirtschaftet werden kann. Umso erfreulicher ist es, dass die Zusammenarbeit der Ärzte im Caritas Baby Hospital mit israelischen Kollegen gut klappt, wenn Patienten in ein Krankenhaus in Israel verlegt werden müssen. Die Abwicklung des Krankentransports ist dann wieder aufwendiger: „Das Permit zu erhalten, die Einreisegenehmigung für das Kind und die Begleitpersonen, dauert einen halben Tag. Und am Checkpoint zwischen Bethlehem und Jerusalem muss das Kind meistens vom palästinensischen Krankenwagen in einen israelischen Krankenwagen umgeladen werden“, so Hiyam Marzouqa. Aber sie und ihr Team lassen sich nicht entmutigen und bemühen sich, den Kindern ein Stück Normalität zu ermöglichen. Es gibt eine Clown-Gruppe im Krankenhaus, die regelmäßig die Stationen besucht, und ein Spielzimmer, finanziert durch Spenden aus Italien. Überhaupt finanziert sich der Betrieb des Caritas Baby Hospital zu mehr als 90 % durch Spenden. Bisher hätte dies – Gott sei Dank – immer geklappt, betonte die Chefärztin.

Abschließend ermutigte Hiyam Marzouqa die Gäste des Freundefestes von Haus HohenEichen, in das Heilige Land zu reisen und dabei auch einige Tage in Bethlehem zu übernachten. Denn der Tourismus sei die Haupteinnahmequelle und gebe den Menschen ihren Lebensunterhalt und damit Hoffnung auf ein besseres Leben. Dies könne der Abwanderung gerade der Christen entgegenwirken. Denn selbst Hiyam Marzouqa, die in ihrer Aufgabe im Caritas Baby Hospital aufgeht, muss gestehen: „Ich denke jeden Tag daran auszuwandern, aber Heimat ist Heimat.“

Nachdenklich machende Worte, die bei manchen ein Wechselbad der Gefühle auslösten – ganz dem Wetter des Tages entsprechend. Ab Mittag bis zum Abend jagte ein Regenschauer den nächsten, so dass die Eucharistie im Vortragsraum gefeiert wurde. Der Stimmung unter den 130 Gästen tat dies keinen Abbruch: Bei der Eröffnung des Buffets sang Hiyam Marzouqa arabische Lieder im Duett mit Gilbert Yammine am Kanun, einer orientalischen Zither. Der in Deutschland lebende Libanese hatte schon den Vortrag der Chefärztin musikalisch begleitet und während des Gottesdienstes gespielt, unter anderem einen Hymnus aus der orthodoxen Tradition der maronitischen Kirche. Sogar das Wetter spielte zum Ausklang des Tages mit, so dass die Gäste noch lange im Innenhof miteinander im Gespräch waren.