Montag, 08. Oktober 2018

Hoffnung in einer hoffnungslosen Situation

Wie ein christliches Krankenhaus den Menschen in Palästina Kraft gibt

Dr. Hiyam Marzouqa, Chefärztin des Caritas Baby Hospital in Bethlehem, war Mitte September zu Besuch in Dresden. Das Exerzitienhaus HohenEichen organisierte Begegnungen mit Schülern des St.-Benno-Gymnasiums, mit angehenden Theologiestudenten und in der Pfarrei St. Benno Meißen.

„Gott gibt einem irgendwie die Kraft. Man muss kämpfen, Tag für Tag, um fröhlich zu sein und den anderen Hoffnung zu geben. Wir können doch nicht einfach resignieren.“ So antwortete Dr. Hiyam Marzouqa auf die Frage einer Schülerin, wie man leben könne in einer ausweglosen Situation, wie sie in Bethlehem gegeben ist. Dr. Marzouqa ist katholische Palästinenserin und Chefärztin des Caritas Baby Hospital in Bethlehem, dem einzigen, ausschließlich auf Kinderheilkunde spezialisierten Krankenhaus in Palästina. Im Dresdner St.-Benno-Gymnasium erzählte sie Schülern der Leistungskurse Religion und Geschichte von ihrem Leben in Palästina und von ihrer Arbeit im Krankenhaus.

Dass die Begegnung der Chefärztin mit den Schülern stattfinden konnte, verdankt sich letztendlich einem Besuch von Stanislaw Tillich im Caritas Baby Hospital im Dezember 2015. Tillich konnte dort den Verlauf der Mauer sehen, die Bethlehem von Jerusalem trennt. Der Besuch beeindruckte ihn so sehr, dass er Dr. Marzouqa und Anton Salman, den Bürgermeister von Bethlehem, nach Dresden einlud. Im Rahmen der Reihe „Städte im Krieg – Städte für den Frieden“ sprachen sie über die aktuelle Situation in Palästina und informierten über die Arbeit des Kinderkrankenhauses.

In diesem Zusammenhang hat das Dresdner Exerzitienhaus HohenEichen weitere Begegnungen mit den Gästen aus Palästina organisiert: mit Schülern des St.-Benno-Gymnasiums, in der Pfarrei St. Benno Meißen und in Kooperation mit der Sächsischen Staatskanzlei ein Gespräch mit angehenden Theologiestudenten, die sich in HohenEichen auf ihren Eintritt ins Priesterseminar vorbereiten. Grund für dieses Engagement: HohenEichen unterstützt das Caritas Baby Hospital, als Zeichen der Solidarität mit den Menschen im Heiligen Land.

Das Caritas Baby Hospital ist der zweitgrößte Arbeitgeber in Bethlehem. Die 230 Mitarbeiter sind jeweils zur Hälfte Muslime und Christen. Das Krankenhaus ist wie die „Sonne in Bethlehem“, beschreibt Dr. Marzouqa die Einrichtung: Hier wird jedem Kind geholfen, das auf medizinische Hilfe angewiesen ist, unabhängig von seiner religiösen und sozialen Herkunft. Hier wird Menschen Hoffnung gegeben durch eine würdevolle Behandlung. Hier wird friedliches Zusammenleben gefördert, denn hier ist oft der erste Kontakt von Muslimen mit Christen.

Früher gab es auch gute Kontakte zu Israelis. Seit der Errichtung der israelischen Sperrmauer im Jahr 2002 hat sich die Lage allerdings grundlegend verändert. Seither sind gegenseitige Besuche und ein menschliches Miteinander zwischen Palästinensern und Israelis praktisch zum Erliegen gekommen.

Die abgeschottete Lage wirkt sich auch negativ auf das wirtschaftliche Leben aus. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, gerade unter jungen, gut ausgebildeten Menschen. So kommt es vor, dass Absolventen der katholischen Universität Bethlehem – dem größten Arbeitgeber am Ort – beispielsweise als Taxifahrer arbeiten. Das Leben in den palästinensischen Autonomiegebieten wird weitgehend von Israel bestimmt. Ein eklatantes Beispiel hierfür ist die Versorgung mit Wasser: Während in israelischen Siedlungen auf besetztem palästinensischem Gebiet Wasser rund um die Uhr unbegrenzt zur Verfügung steht, erhalten die palästinensischen Autonomiegebiete nur zu bestimmten Zeiten eine begrenzte Menge Wasser, das teuer bezahlt werden muss. Eigenes Wasser zu fördern, ist den Palästinensern verboten.

Das eingeschränkte Leben führe dazu, dass sich die Palästinenser wie Fremde im eigenen Land fühlten, so Dr. Marzouqa. Viele würden ans Auswandern denken, fährt sie fort, und die, die es sich leisten könnten, würden das auch tun. Dadurch sei die Zahl der Christen im Heiligen Land stark zurückgegangen. Sie selbst hat dank eines Stipendiums in Deutschland studiert – denn ihr Vater konnte den sieben Kindern kein Studium finanzieren – und ist wieder nach Bethlehem zurückgekehrt. Aber ihren Söhnen, die beide in Deutschland studieren, kann sie es nicht verdenken, wenn sie hierbleiben.

Diesen widrigen Umständen setzt das Caritas Baby Hospital Tag für Tag sein Versprechen „Wir sind da!“ entgegen. Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, ist das Krankenhaus auf Spenden angewiesen, die etwa 90 % des Haushalts ausmachen. Dass es auch im Raum Dresden Unterstützer gibt, konnte man beim Vortrag in St. Benno Meißen sehen: Zum einen wurde eine Spende übergeben, die von der katholischen Kirche St. Pius X. in Wilsdruff bei der Hof- und Kneipennacht im August gesammelt wurde. Und zum anderen waren zwei Damen des Strickkreises der katholischen Pfarrgemeinde St. Franziskus Xaverius in Dresden unter den Besuchern. Seit Januar 2017 strickt und häkelt dieser Kreis kleine und größere Püppchen, Babygreiflinge, Schmusetücher und Babydecken für das Caritas Baby Hospital und schickt sie nach Bethlehem. Wenn die kleinen Patienten untersucht werden, helfen die Püppchen und Greiflinge, ihnen die Angst zu nehmen und sie vom eigentlichen Geschehen abzulenken.

Das sind nur zwei Beispiele, was wir für die Menschen im Land Jesu tun können. Was kann man noch tun? Gefragt am Ende der Begegnung im St.-Benno-Gymnasium, was sie sich von den Menschen hier wünsche, antwortete Dr. Marzouqa: „Denkt an uns! Vergesst uns nicht! Erzählt weiter, was Ihr gehört habt. Unterstützt das Krankenhaus. Betet für uns! Betet für den Frieden! Und kommt uns besuchen!“