Dienstag, 04. Mai 2021

Von den Nazis 1941 enteignet – von den Russen 1945 zurückgewonnen

Am 23. Mai 2021 ist es genau 80 Jahre her, dass das katholische Exerzitienhaus, Haus HohenEichen, in Dresden-Hosterwitz, Dresdner Str. 73, einen tiefen Einschnitt erfuhr.

Das Haus war im Jahre 1921 der katholischen Kirche, genauer der Gesellschaft Jesu, landläufig Jesuitenorden genannt, von der Prinzessin Maria Immaculata (1874–1947) aus dem Haus Wettin geschenkt worden.

HohenEichen sollte ein Haus werden, das den Menschen für Zeiten der Stille, der Besinnung auf das eigene Leben, für Exerzitien und auch der Erholung dienen sollte und dann auch diente. Zugleich war es ein Ort, von dem aus die hiesigen Jesuitenpatres seelsorglich in ganz Sachsen tätig waren. Besonders P. Johannes Zorell SJ (1856–1937), der hier lebte, wurde in den 20er und 30er Jahren weit über die katholische Kirche in Dresden hinaus bekannt. Sein Grab ist auf dem Alten Katholischen Friedhof in Dresden-Friedrichstadt.

Mit dem Beginn der Nazizeit und deren antichristlicher und antikirchlicher Einstellung und entsprechendem Verhalten wurde die Situation für Haus HohenEichen sehr schwierig, da die Nazis immer öfter in Ordenshäusern Haussuchungen durchführten, einzelne Patres verhafteten und verhörten und solche Häuser auflösten und konfiszierten.

Enteignung durch die Nazis am 23. Mai 1941

Als auch das Haus HohenEichen beschlagnahmt werden sollte, protestierte der damalige Leiter des Hauses dagegen, P. Otto Pies SJ (1901–1960). Er war zugleich Seelsorger, das heißt Pfarrvikar für die katholische Pfarrei Pillnitz/Hosterwitz. Die Folge war, dass P. Pies verhaftet wurde und nach einem längeren Gefängnisaufenthalt in Dresden in das KZ in Dachau bei München kam, wo er mit über 1000 Priestern aus ganz Europa eingesperrt war, bis er kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges im April 1945 entlassen wurde.

Die Patres und Brüder des Ordens, die damals im Haus HohenEichen lebten und arbeiteten, mussten das Haus innerhalb von 48 Stunden verlassen und durften nur in geringem Maße ihre persönlichen Dinge mitnehmen. Alle Wertgegenstände, Möbel und anderen Dinge mussten zurückgelassen werden.

Das Haus wurde von nun an für die erweiterte „Kinderlandverschickung“ (KLV) genutzt. Diese erweiterte KLV war von den Nazis 1940 angeordnet worden, um Kinder im Alter zwischen neun und 14 Jahren aus den vom Bombenkrieg besonders bedrohten Gegenden, wie dem Ruhrgebiet und Hamburg, für einige Monate unterzubringen. Auf diese Weise wurden im Laufe des Zweiten Weltkrieges knapp eine Million Kinder zeitweise in sogenannten sicheren Gebieten untergebracht.

Das Leben in den KLV-Lagern war auf der einen Seite vom eingeschränkten Schulunterricht und auf der anderen Seite von der Hitlerjugend mit vormilitärischen Aktivitäten und der Vermittlung der nationalsozialistischen Ideologie geprägt.
Im Haus HohenEichen lebten circa 30 Jungen mit einem Lehrer und zwei HJ-Lagermannschaftsführern für einige Monate zusammen. Ab Mitte 1941 war der Lehrer Eugen Hebbecker aus Dresden eingesetzt, der 30 Kinder aus Hamburg und ab November 1941 aus Düsseldorf betreute. Bekannt aus dem Archiv von HohenEichen ist, dass von Dezember 1942 bis Mai 1943 eine Gruppe aus Solingen im Rheinland mit dem Lehrerehepaar Fings hier war. Anschließend kam eine Gruppe von 30 Jungen aus Hamburg hierher.

Überliefert ist weiter, dass das Haus 1944 in einem sehr desolaten Zustand war. Es existiert ein Bericht eines damals jungen Mannes, der im Februar 1944 das Haus für kürzere Ferienaufenthalte für Jungen aus Sachsen herrichten sollte. Mit Hilfe seines Vaters, der Oberfeldwebel bei einem Transportstab der Wehrmacht in Dresden war, richtete er die Räumlichkeiten aus Beständen der Wehrmacht mit Betten, Stühlen, Spinden und für den Tagesraum mit sogenannten Bauernmöbeln wieder her und ließ einen Waschraum einrichten.

Diese Art der Nutzung endete wohl spätestens entweder mit dem großen Bombenangriff auf Dresden am 13./14. Februar 1945 oder am 2. März 1945, als ein weiterer Bombenangriff erfolgte, bei dem das Haus HohenEichen schwere Schäden erlitt.

Rückgabe 1945 durch den russischen Stadtkommandanten

In dem beschädigten Haus fanden dann über 15 Flüchtlinge und Vertriebene eine notdürftige und vorübergehende Bleibe.

Im Jahre 1945 war der sorbische Priester, P. Stanislaus Nauke SJ (1911–1992) als Seelsorger für die katholische Pfarrei Pillnitz/Hosterwitz zuständig und hatte ein Zimmer in der königlichen Villa bei der Kapelle Maria am Wege. Da er als Sorbe etwas Russisch konnte, gelang es ihm mit einem großen persönlichen Einsatz, das Haus HohenEichen vom russischen Stadtkommandanten für die katholische Kirche und damit für den Jesuitenorden zurückzugewinnen, was der kommunistische Bürgermeister von Pillnitz zunächst abgelehnt hatte.

Es dauerte dann noch drei bis vier Jahre, bis die Schäden am Haus einigermaßen beseitigt waren, die Flüchtlinge und Vertriebenen, die hier lebten, eine neue Unterkunft gefunden hatten und in dem Haus wieder das angeboten werden konnte, was seine ursprüngliche Bestimmung war, nämlich die Angebote von Einkehrtagen, Exerzitien, Fortbildungen, Zeiten der Stille usw.

All das findet bis heute im Haus HohenEichen statt, das in diesem Jahr zugleich sein 100-jähriges Bestehen als Exerzitienhaus feiern kann.

Text und Bilder: P. Josef Ullrich SJ

Dieser Artikel ist zuerst erschienen im Elbhang-Kurier, Ausgabe Mai 2021, S.12/13.