Mittwoch, 08. Dezember 2021

Neue Namen für einen Feiertag?

Am 8. Dezember feiert die katholische Kirche das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“.

In seiner Predigt heute Morgen stellte Jan Korditschke SJ fest, dass dieser offizielle Name kaum noch verstanden wird, und schlägt zwei andere mögliche Bezeichnungen vor. Aber lesen Sie selbst!

Predigt am Hochfest der „Unbefleckten Empfängnis“

Sprache ermöglicht erst das Verstehen. Sprache kann das Verstehen aber auch erschweren oder sogar unmöglich machen. Sie alle haben vermutlich schon erlebt, wie Expert*innen beim Reden einen solchen Fachjargon verwenden, dass sie sich zwar untereinander verständigen, Außenstehende aber vom Gespräch ausgeschlossen sind. Auch die religiöse Sprache, die in unserer Liturgie verwendet wird, ist häufig so ein Fachjargon, mit dem nur noch wenige Eingeweihte etwas anfangen können. Dabei sollte religiöse Sprache doch möglichst vielen Menschen einen Zugang zu dem eröffnen, den sie nahebringen will, nämlich Gott.

Ich finde, dass der offizielle Name des heutigen Feiertages in einer Sprache ausgedrückt ist, die kaum noch verstanden wird: „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“. Maria sei im Hinblick auf ihren Sohn vom ersten Augenblick ihrer eigenen Existenz an – also von dem Zeitpunkt an, zu dem ihre Mutter Anna sie empfing – von der Erbsünde bewahrt worden.

Könnten wir den heutigen Feiertag nicht mit einem anderen Namen bezeichnen? Zwei Möglichkeiten werde ich nennen. Den einen Namen habe ich in der Literatur gefunden, den anderen habe ich mir selbst überlegt.

Karl Rahner nennt den heutigen Tag das „Fest des heiligen Anfangs“ (Das große Kirchenjahr, S. 534).

Ich gehe davon aus, dass Sie alle Situationen kennen, die heillos verfahren waren. Da ließ sich nichts mehr retten. Vielleicht ging es um eine zerrüttete Partnerschaft. Vielleicht handelte es sich um andere private oder berufliche Beziehungen, die so stark mit Konflikten belastet waren, dass eine vertrauensvolle und unvoreingenommene Begegnung mit den anderen Beteiligten undenkbar wurde.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen in solchen Situationen geht. Ich jedenfalls würde mich nach einem echten Neuanfang sehnen, nach der Möglichkeit, noch einmal ganz von vorn zu beginnen – unbelastet von dem, was vorher war.

Einen solchen Neuanfang feiern wir heute. Gott nimmt das Unheil, in das sich die Menschen verstrickt haben, nicht einfach so hin. Er lässt dem Bösen nicht freien Lauf, sondern wendet sich dagegen, unterbricht das Geschehen und setzt noch einmal an. Maria ist die neue Eva, mit der eine neue Schöpfung beginnt. Diese neue Schöpfung ist frei von den Altlasten dessen, was ihr vorausging. So wie ich in meinem Tagebuch eine leere, weiße Seite aufschlage, um auf ihr das erste Mal den Schreibstift anzusetzen. So wie nach der Nacht eine Morgenröte aufsteigt, die ganz unberührt ist von der vorausgegangenen Finsternis.

So betrachtet, ist das heutige Hochfest ein Hoffnungszeichen für uns, weil es uns vor Augen führt: Mit Gottes Hilfe dürfen wir immer wieder neu anfangen. Was auch immer gewesen sein mag, es ist eben nicht einfach alles aus und vorbei. Von Gott her ergeben sich Möglichkeiten, die wir nie geahnt hätten.

Meist wird das Neue nicht so aussehen, wie wir es uns insgeheim vorgestellt haben, aber Gott lässt uns nicht in unseren Sackgassen zurück, sondern eröffnet uns neue Wege, wenn wir sie denn zu gehen bereit sind.

Vielleicht könnten wir den heutigen Feiertag auch „Fest der Zuvorkommenheit Gottes“ nennen.

Zuvorkommend sein bedeutet, sich darum zu bemühen, den Interessen anderer entgegenzukommen, noch bevor sie diese ausdrücklich geäußert haben. Also, ich bekomme zum Beispiel mit, wie ein Mensch, schwer bepackt, ein Haus betreten möchte. Ich sehe, dass mein Gegenüber keine Hand frei hat. Deshalb gehe ich schnellen Schrittes voraus zur Tür und öffne, damit er oder sie hindurchgehen können. So etwas ist Zuvorkommenheit.

Gottes Liebe zu den Menschen ist immer zuvorkommend. Sie kommt all ihrem Tun zuvor, ist nicht Lohn für erbrachte Leistung, sondern voraussetzungsloses Geschenk, das nicht an Bedingungen geknüpft ist.

Gottes Liebe kommt sogar der schieren menschlichen Existenz zuvor. Denn es ist doch das Ja der liebenden Schöpfungsmacht, welches die Menschen überhaupt erst ins Dasein ruft. Gottes Liebe geht den Menschen voraus und öffnet ihnen die Tür, durch die sie ins Leben eintreten dürfen.

Gottes Liebe ist zuvorkommend. Das gilt für Gottes Liebe zu Maria. Sie ist die von vornherein Begnadete. Gottes Liebe steht wie ein positives Vorzeichen vor ihrem Lebensanfang und damit vor ihrem ganzen Leben.

Gottes Liebe ist zuvorkommend. Das gilt auch für seine Liebe zu uns; denn wie der Apostel Paulus in der heutigen Lesung sagt, hat Gott uns schon vor der Erschaffung der Welt erwählt; Gott hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, Gottes Kinder zu werden und zu Gott zu gelangen. Wir sind als Gottes Erb*innen vorherbestimmt und eingesetzt (vgl. Eph 1,4f.11).

Gott lässt Menschen neu anfangen, weil Gott zuvorkommend ist. Das dürfen wir beispielhaft an Maria betrachten. Das dürfen wir auch für uns selbst erhoffen und feiern.

Dresden, 8. Dezember 2021
Jan Korditschke SJ