Freitag, 07. Januar 2022

Geistliche Unterscheidung

Predigt von Jan Korditschke SJ am 7. Januar 2022

„Traut nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind“ (1 Joh 4,1), so heißt es in der heutigen Lesung. Sie spricht von der „Unterscheidung der Geister“.

Dieser Ausdruck meint die kritische Differenzierung von Gedanken, Gefühlen und Wünschen im Hinblick auf die Frage, inwieweit sie uns näher zu Gott führen oder weiter von Gott wegbringen.

Es ist so: Einiges von dem, was in meinem Geist vorgeht, hilft mir, meine Beziehung zu Gott zu vertiefen. Anderes von dem, was ich fühle, denke und wünsche, schwächt hingegen meinen Glauben oder hindert mich am Glauben. Im Verlauf der Unterscheidung der Geister erkenne ich allmählich, wie sich eine innere Regung von mir auf mein Gottesverhältnis auswirkt.

Je nachdem, ob zum Beispiel ein Gedanke mich Gott näherbringt oder nicht, folge ich ihm oder verwerfe ich ihn. Dies gilt auch für Gedanken darüber, was ich als Nächstes tun soll. So ist die geistliche Unterscheidung wichtig für meine Entscheidungen – die ja nach und nach meinen Lebensweg formen.

Ein Bild für den Prozess der Unterscheidung der Geister sind die Sterndeuter, derer wir gestern am Hochfest der Erscheinung des Herrn gedacht haben. Ursprünglich meinen diese Magier aus dem Osten, der „neugeborene König der Juden“ (Mt 2,2) müsse wohl im Königspalast von Jerusalem zu finden sein. Doch dann lernen sie: Dieser Gedanke bringt sie nicht an ihr Ziel.

Sie finden den gesuchten König stattdessen am Rande der kleinen Stadt Bethlehem, außerhalb jeglicher Herberge. Sie lernen zu unterscheiden zwischen der Zurschaustellung königlicher Macht und Pracht eines Herodes und dem wahren Königtum jenes Kindes in der Krippe. Die Sterndeuter kommen noch zu einer weiteren geistlichen Unterscheidung, als ihnen im Traum klar wird, dass es besser ist, auf anderem Wege nach Hause zurückzukehren, als wieder nach Jerusalem zu reisen, um Herodes von Jesus zu berichten.

Nicht nur einzelne Gläubige je für sich brauchen die geistliche Unterscheidung, um Gott zu finden, sondern auch jede Glaubensgruppe, ja die Kirche als Ganze hat es nötig, dass ihre Mitglieder gemeinsam die Geister unterscheiden, um zusammen Gott auf der Spur zu bleiben. Schon die Sterndeuter treffen ihre Entscheidungen nicht einzeln für sich, sondern als Gruppe.

Wie gelingt eine gemeinsame Unterscheidung der Geister? Der US-amerikanische Schriftsteller Ken Wilber gibt Angehörigen religiöser Gruppen unter anderem folgenden Rat, den sie während des Unterscheidungsprozesses beherzigen sollen:

Stell dir vor, deine Gemeinschaft würde am Ende ihres Unterscheidungsprozesses aus mehreren möglichen Alternativen eine bestimmte wählen. Dann frage dich:

  1. Ließe mich diese Entscheidung innerlich weit oder eng fühlen?
  2. Würde diese Entscheidung zu mehr Harmonie, Frieden, Einheit und Liebe zwischen den Mitgliedern unserer Gruppe führen?
  3. Was würde die Entscheidung bei meinem Gegenüber auslösen – mehr Freude, Trost und Hoffnung oder mehr Angst, Ärger und Hoffnungslosigkeit?

Je nachdem, wie du die Fragen für dich beantwortest, kannst du erkennen, ob du dich im Unterscheidungsprozess deiner Gruppe für eine bestimmte Alternative starkmachen solltest oder besser für eine andere (vgl. https://integrales-christsein.blog/2021/05/21/unterscheidung-der-geister/).

Ich finde die Fragen Wilbers hilfreich, weil sie drei Ebenen ansprechen, die bei der geistlichen Unterscheidung in Gemeinschaft wichtig sind:

Da ist zuerst die Ebene meiner eigenen Person: Wenn ich mir vorstelle, die Unterscheidung würde so-und-so ausgehen, werde ich dann innerlich ängstlich und beklommen oder werde ich frei und stark?

Die zweite Ebene ist die Beziehung der Gruppenmitglieder untereinander: Würde sie sich durch eine bestimmte Entscheidung verbessern oder nicht?

Die dritte Ebene ist die der anderen: Anstatt nur auf mich selbst fixiert zu sein und um mich selbst zu kreisen, fühle ich mich bewusst in mein Gegenüber ein und frage mich, wie sich eine bestimmte Alternative aus seiner Perspektive darstellt.

Wenn sich beim Erwägen einer bestimmten Alternative auf allen drei Ebenen Stimmigkeit und Frieden einstellen, dann spricht einiges dafür, dass meine Gemeinschaft durch Wahl dieser Alternative mehr zu Gott findet.

Für Ignatius war eine der wichtigsten Zeiten der Unterscheidung der Geister die Feier der Eucharistie. Nutzen auch wir diesen Moment der Einkehr mit Gott, um zu erspüren, was für uns der nächste Schritt sein könnte und auf welchen Wegen Gott uns wohl näherkommen will.