Mittwoch, 12. Januar 2022

Der Priester Eli: ein Unbeweglicher setzt Neues in Gang

Predigt von Jan Korditschke SJ am 12. Januar 2022

„Noch ein anderes Übel, wodurch Studierende sehr bedrängt sind, erwähne ich hier beiläufig. […] Unter den ältesten Professoren […] sind manche schon lange Zeit stationär; sie überliefern im Ganzen nur fixe Ansichten, und, was das Einzelne betrifft, vieles, was die Zeit schon als unnütz und falsch verurteilt hat.“ So schreibt Johann Wolfgang von Goethe über die Zeit seines Jurastudiums in Leipzig.

In den Lesungen aus dem ersten Buch Samuel, die wir in diesen Tagen während der Heiligen Messe hören, begegnen wir einer Gestalt, die ebenfalls „stationär“ zu sein scheint – und zwar körperlich wie geistig. Ich spreche von Eli, dem Priester von Schilo.

Dieser Mann rückt und rührt sich nicht: Er sitzt an den Türpfosten des Tempels auf seinem Stuhl, als Hanna eintritt, um Gott ihr Herz auszuschütten (1 Sam 1,9). Er schläft auf seinem Platz, als der junge Samuel nachts zu ihm kommt, weil er meint, Eli habe ihn gerufen (1 Sam 3,2). Später sitzt Eli auf seinem Stuhl neben der Straße und hält Ausschau nach der Bundeslade, die das israelitische Heer als eine Art Glücksbringer mit in eine Schlacht genommen hat (1 Sam 4,13). Außerdem – so heißt es im Bibeltext weiter – sind Elis Augen starr geworden, so dass er nichts mehr sehen kann (1 Sam 4,15).

Nur eine einzige körperliche Bewegung wird von Eli erzählt: Als ihm berichtet wird, dass die Bundeslade in der Schlacht vom gegnerischen Heer erbeutet worden sei, fällt Eli rückwärts von seinem Stuhl neben dem Tor, bricht sich das Genick und stirbt; denn er war – so der Bibeltext – „ein alter und schwerfälliger Mann“ (1 Sam 4,18).

Der körperlichen Starrheit Elis entspricht eine Unbeweglichkeit im Handeln: Er weiß darum, dass seine beiden Söhne viel Böses tun, er stellt sie deswegen sogar zur Rede. Aber als sie sich von seinen Worten nicht beeindrucken lassen, unternimmt er nichts mehr und lässt sie weiter ihr Unheil treiben (1 Sam 2,22-25).

Eli scheint „stationär“ zu sein – den alten Professoren, die Goethe beschreibt, nicht unähnlich. Umso erstaunlicher ist es, dass Eli in wichtigen Momenten Worte findet, die für andere Menschen wertvoll werden und ihrem Leben eine entscheidende Wende geben: Eli tröstet Hanna und verheißt der kinderlosen Frau, dass sie einen Sohn bekommen wird, und so geschieht es dann auch (1 Sam 1,17). Eli rät Samuel, der Stimme, die nachts seinen Namen ruft, mit den Worten zu antworten: „Rede; denn dein Diener hört“ (1 Sam 3,9). So kann sich Gott Samuel mitteilen.

Zugegeben, es dauert, bis Eli begreift, was los ist: Erst hält er die klagende Hanna für betrunken (1 Sam 1,14). Erst schickt er Samuel immer wieder ins Bett (1 Sam 3,5f). Aber als beide, Hanna und Samuel, auf dem bestehen, was sie erleben, glaubt Eli ihnen und nimmt ihre Erfahrung ernst. Er, dessen Augen schwach geworden sind, blickt – wenigstens für einen Moment – durch. Er, der so unbeweglich ist, gibt einen Impuls, der Neues in Gang setzt.

Eli lässt mich hoffen: Wenn selbst dieser schwerfällige Mann, dessen Augen erstarrt sind, andere trösten und mit Gott in Berührung bringen kann, dann können wir es auch.

Ich komme mir selbst in meinem geistlichen Leben oft „stationär“ vor: erstarrt, wenig lebendig und ohne Dynamik. Womöglich geht es Ihnen hin und wieder ähnlich. Aber auch durch uns, so wie wir sind, kann Gott anderen Menschen etwas Wertvolles für ihr Leben mitgeben – wenn wir wach bleiben für das, was sie uns über sich erzählen und wenn wir ihre Erfahrungen ernst nehmen.

Bild: Eli mit Samuel (Ölgemälde von John Singleton Copley, 1780)