Samstag, 07. Mai 2022

Im Angesicht der Angst auf Gott schauen

Gedanken anlässlich des 8. Mai - von Jan Korditschke SJ

Seit 77 Jahren gab es keinen Krieg mehr auf deutschem Boden. Gott sei Dank!
Könnte der Krieg nach Deutschland zurückkehren? Das hielt ich lange für ausgeschlossen.
Als ich am 24. Februar aus meinem Schlaf aufwachte, waren schon die ersten Bomben gefallen.

 

Es ist wieder Krieg. Unmittelbar vor unserer Haustür. Russland hat die Ukraine überfallen. In allen Medien wird heftig diskutiert. Verschiedenste Szenarien werden durchgespielt. Fast alle bieten Anlass zu großer Sorge.

Könnte der Krieg sich auf Deutschland ausweiten? Niemand weiß, was passieren wird.

Diese Situation macht vielen Angst. Mir auch. Angst kann uns dazu bringen, nur noch um uns selbst zu kreisen und unsere Mitmenschen aus dem Blick zu verlieren. Um die Angst zu überwinden, hilft es, auf andere zu schauen: Wie gehen sie mit ihrer Angst um? Wir sind nicht allein.

Ich schaue in diesen Tagen besonders auf einen ukrainischen Mitbruder, mit dem ich ein Jahr lang gemeinsam in Ausbildung war. Mykhailo Stanchyshyn SJ befindet sich zurzeit in Charkiw, im Osten der Ukraine. Dort assistiert er dem örtlichen Bischof bei dessen humanitären und seelsorgerischen Arbeiten. Unter anderem organisiert er Essensausgaben für bis zu 1500 Menschen pro Tag.

Die Stadt Charkiw liegt an der Front und steht unter Beschuss. Doch Mykhailo bleibt nicht im Schutz seiner Unterkunft. Er geht auf die verwüsteten Straßen, in die beschädigten Häuser. Er geht zu den Notleidenden, Verletzten, Sterbenden und Hinterbliebenen. Sie haben Angst. Mykhailo hört ihnen zu. Er betet mit ihnen. Die Menschen merken, dass er sie versteht. Er spürt selbst Angst. Aber er lässt sich von ihr nicht beherrschen. Er liebt das Leben, aber er klammert sich nicht daran.

Während draußen Bomben fallen, ruft Mykhailo die Menschen zu innerer Stille. Er gibt online-Exerzitien – sieben Wochen lang, auf Ostern hin. Jeden Tag einen schriftlichen Impuls über Soziale Medien, dann regelmäßig Austausch per Videokonferenz. In Gruppen, statt in Einzelgesprächen, weil so viele teilnehmen. Über 100 Personen. Mitten im Krieg.

In einem Impuls überlegt mein Mitbruder, was wir angesichts unserer Angst tun können. Er schreibt:

„Gott anschauen, in allem ihn suchen, den Blick immer wieder von den Bildern des Grauens und unseren Feindbildern abwenden und uns Gott zuwenden. Christliche Berufung ist es, vor Angst und Krieg nicht zu erstarren, sondern Träger des Friedens zu werden. Gott um diese Gnade bitten. Wir können das nicht aus uns heraus, wohl aber mit seinem Geist und seiner Gnade. Unsere christliche Berufung ist die Begegnung mit dem lebenden Gott in der Person Jesu Christi. Deshalb beten wir für uns und für unsere Feinde um eine neue Sicht: Eine neue Sicht, die die Gnade sehen kann. Eine neue Sicht, die nach dem Nächsten sucht. Eine neue Sicht, die jeden Tag neu die Hoffnung wagt.“

Es ist richtig, wach mitzuverfolgen, was um uns herum geschieht. Sonst verschlafen wir Entwicklungen, und dann gibt es ein böses Erwachen. Aber wir sollten uns nicht auf das fixieren, was uns Angst einflößt. Mit jedem Blick, den wir stattdessen auf Gott und seine Liebe richten, kehrt ein wenig mehr Frieden in unser Herz ein. Und wenn viele Herzen friedvoll sind, dann strahlen sie aus in die Welt. Dann können wir eines Tages wieder sagen: „Es herrscht Friede. Gott sei Dank!“